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Warum wird die drupa 2021 nicht abgesagt?

Ein kritischer Blick hinter die Kulissen und mitten in die Ausstellungsbedingungen

Die vergangenen Monate müssen für Drupa und Messe Düsseldorf ziemlich schrecklich gewesen sein. Die Fachmedien füttern mit Storno-Berichten ihr Publikum, und alle halten den Atem an und diskutieren, ob Drupa stattfindet oder nicht. 

Von Andreas Weber und Morten B. Reitoft 

Die Drupa-Organisatoren selbst treiben die Ereignisse aber weiter so voran, fast als wären sie blind und fast als hätten sie die Herausforderungen, die die Pandemie für die globale Druckindustrie mit sich bringt, nicht bemerkt. Die jüngst publizierten Drupa-Trends-Reports sprechen über das Kaufverhalten vor der Pandemie, aber Leute, die Welt hat sich verändert! Die Maßnahmen vor der Corona-Krise sind nicht die gleichen wie jetzt. Das Drupa-Team pusht immer wieder Aussagen von Ausstellern, die sich zur Drupa verpflichten, aber beziehen sich diese Aussagen überhaupt auf die Welt der Drucker? Natürlich wollen wir uns alle persönlich treffen. Natürlich wollen wir alle neue Geräte und Anwendungen sehen. Natürlich würden wir gerne Inspiration finden. 

Es ist nur das Risiko, das uns fern hält! 

Messe Düsseldorf pusht auch Informationen über ihre Sicherheitsvorkehrungen, und beruft sich auf staatliche Vorgaben - aber ganz andere Fragen stehen auf der Agenda. Wie kann Drupa im Oktober 2020 relevante Maßnahmen ergreifen, wenn niemand wissen kann, welche Vorsichtsmaßnahmen im April 2021 wichtig / notwendig / erforderlich sind? Wenn die Aussagen über die Modalitäten für Treffen mit Menschen richtig sind - was wir zu 100% anerkennen -, dann ist das Nachtleben ein wesentlicher Bestandteil einer Drupa. Altbier trinken und vielleicht auch etwas mehr Alkohol konsumieren als normal - wie soll das gehen? 

Sind die Drupa-Organisatoren und die Stadt blind für die Auswirkungen, die durch die Ausbreitung von Corona-Ansteckungen und -Erkrankungen haben kann? Erwartet man in Düsseldorf, dass die Corona-Pandemie bis April 2021 vorbei ist? Glauben sie, dass ein Impfstoff weltweit verbreitet und in einer Größenordnung verfügbar sein kann, die das Reisen sichert? Der größte Teil der Welt ist derzeit von der zweiten COVID-19-Welle okkupiert. Was wir bisher gelernt haben, ist in jeder Hinsicht, dass das Gegenteil von Präsenz-Messen als Massenveranstaltungen funktioniert. Soziale Distanzierung und soziale Zusammenkünfte in nur kleineren Gruppen sind die EINZIGE Lösung für COVID-19, die zu niedrigeren Infektionszahlen geführt hat. 

Die Drupa-Macher stellen quasi das Gegenteil in Aussicht. Dabei wissen die Messe-Organisatoren natürlich alles oben Genannte, und die einzige vernünftige Frage im Moment ist: WARUM? Warum storniert die Messe Düsseldorf die Ausgabe 2021 der Drupa nicht und blickt auf die Drupa 2024? Um dies zu verstehen, müssen wir uns mit den Ausstellungsbedingungen befassen. Die Begriffe  rund um "Pandemie" werden nicht mit einem einzigen Wort aufgegriffen. Dies kann für die Drupa 2020 gerechtfertigt gewesen sein, da sich die meisten Aussteller für die Drupa 2020 angemeldet haben, lange bevor der Begriff den meisten bekannt war. Als die Drupa 2020 verschoben wurde, stimmten die meisten Anbieter zu, die Verträge auf 2021 zu verschieben, anstatt ihre Teilnahme zu kündigen. Für Drupa muss dies ein Segen gewesen sein wie nie zuvor.

Die Ausstellungsbedingungen spezifizieren das Recht von Drupa, "zu verschieben, zu kürzen, zu verlängern, die Messe vorübergehend ganz oder teilweise zu schließen oder absagen, sollte es notwendig sein, aus Gründen, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen, und anzunehmen, dass dabei die Interessen der Aussteller berücksichtigt werden." 

Dies bedeutet im Wesentlichen, dass die Drupa-Veranstalter unter höherer Gewalt alles tun können, was sie wollen — das Recht des Ausstellers ist dabei begrenzt. Die Aussteller sind weiterhin unter allen Umständen verpflichtet, den Vertrag einzuhalten – auch in Bezug auf Zahlungen. Situationen höherer Gewalt werden glücklicherweise nicht sehr oft gesehen. Eine Messe wie die Drupa abzusagen ist keine leichte Sache. Es geht vor allem darum, wer bezahlen wird. Wenn der Veranstalter die Bedingungen ändert, könnten Aussteller wahrscheinlich leichter aus dem Vertrag aussteigen, wenn Drupa dies in Zeiten ohne Pandemie ändert – aber angesichts der Situation höherer Gewalt hat Drupa scheinbar alle Karten auf der Hand! 

Was die Drupa-Veranstalter taten, war eine kluge Sache, denn man kaufte sich Zeit, indem die Ausstellungsbedingungen eins zu eins auf die neuen Ausstellungsdaten übertragen wurden, aber ohne die Bedingungen zu aktualisieren bzw. der Pandemie-Krise anzupassen. Über 80 Aussteller haben ihre Teilnahme bereits abgesagt, und mit Stornierungsgebühren im Bereich von 75% verbrennen die Aussteller erheblich Geld. Einige der Aussteller, die sich noch nicht entschieden haben, den Stecker zu ziehen, hoffen, dass die Veranstalter die Messe absagen, so dass Drupa-Ausrichter verpflichtet sind, die volle Zahlung zurückzugeben. Solche Verpflichtungen stehen jedoch nicht in den Bedingungen - puh!. 

Die Drupa-Veranstalter hingegen möchten so lange wie möglich warten, daher müssen die Aussteller die zweite 50% -Rechnung am 30. November bezahlen. Es ist ein schmutziges Spiel, bei dem zählt, dass gewinnt, wer am besten die Nerven behält. Bei der Drupa geht es um Geld, um sehr viel Geld. In dem gestern von INKISH veröffentlichten Artikel konnten unsere Leser den Unterschied zwischen einem Drupa-Jahr und einem Nicht-Drupa-Jahr erkennen. Die Einnahmen durch die Drupa können auf Veranstalterseite leicht zwischen € 100 und 150 Millionen liegen, und natürlich beeinflusst das große Geld anscheinend die Moral. 

Als wir bemerkten, dass die Drupa-Ausstellungsbedingungen nicht aktualisiert wurden, glaubten wir zuerst, dass dies ein versehentlicher Fehler war. 

Warum sollten Messe Düsseldorf und Drupa die Pandemie NICHT in ihren Statuten erwähnen wollen? Unter normalen Umständen möchte man doch, dass ein Vertrag die Realität widerspiegelt. Wenn die Drupa-Veranstalter jedoch eine Klausel über die Pandemie hinzugefügt hätten, könnten die Aussteller diese als Entschuldigung für die Kündigung und Aufhebung der Verträge verwenden. Zumindest für den Moment scheint sich die Pandemie weiter zu entwickeln. Unter den gleichen Bedingungen schlossen die Drupa-Veranstalter scheinbar die Augen oder hofften vielleicht sogar absichtlich, dass alle Aussteller ab 2020 die Vereinbarungen und ihr Engagement stillschweigend hinnehmen würden. 

Wir glauben, dass fast alle von uns Fehler gemacht haben. Fehler passieren, und wenn Fehler oder Zwischenfälle auftreten, beurteilt die Art und Weise, wie diese gelöst werden, Ihren Charakter. 

Es ist niemandes Schuld, dass die Pandemie Probleme verursacht. Die Art und Weise, wie die Drupa-Veranstalter vorgehen, ist nicht nur eine Frage, wozu sie gesetzlich verpflichtet sind, sondern vielleicht noch mehr, wie sie mit dieser miserablen Situation anständig und zum Nutzen aller umgehen. Das Geld, das fast 1.500 Aussteller in die Drupa investiert haben, sollte der Branche Umsatz, Gewinn und neue Möglichkeiten bringen. Jetzt ist das Geld verloren. Der Wert einer Drupa muss daher relativiert werden. Was ist, wenn nur 50.000 Besucher es wagen, nach Düsseldorf zu reisen? Oder 100.000? 

Was passiert mit dem gesamten Wert der Messe, wenn die über 80 Absagen nicht nur winzige Aussteller sind, sondern auch Aussteller wie: 

Adolf Brodbeck GmbH & Co.KG, Al Baraka Paper Converting Co., Al Burhan Manufacturing & Trading, Al-Husein International Ltd., Barberan S.A., Baumer hhs GmbH, Bostik S.A., Britten, Inc, C & K; Extrusions Ltd., Canon Europa NV, Care Graphic Machinery Ltd., Chromasens GmbH, Contiweb BV, DC DruckChemie GmbH, Dürselen GmbH und Co. KG, Edale Limited, EFI Electronics for Imaging, Inc., EL-KO sas, ELETTRA Srl, ESSMANN + SCHÄFER GMBH + CO. KG, FEDRIGONI SPA, Felix Böttcher GmbH & Co. KG, Futec Europe GmbH, Hamta International Group pvt. Sezavarbandi Mohammad Reza, Heidelberg, Heights (UK) Ltd., Heinrich Erdmann GmbH, Hi-Tech Chemicals BVBA, HP Deutschland GmbH, HYBRID Software GmbH, IDEAL Krug & Priester GmbH & Co. KG, Industria de Maquinas Miruna Ltda., Karl Marbach GmbH & Co. KG, KCM - Kashif Graphische Maschinen Kashif Chotani, KINYO EUROPE GmbH, Konica Minolta Business Solutions Europe GmbH, Lotus Holland BV, Marks-3zet GmbH & Co. KG, Matthews Europe GmbH, Miraclon BVBA, MPI PAPERS PVT LTD, Newtown Packaging Limited, Nordson Deutschland GmbH, Novurania SpA, Omet Srl, OVIT Srl, Pasaban SA, Phoseon Technology Corp., Powis Parker, Printer's Parts & Equipment Ltd., printIQ Europe LTD, Proseco Software GmbH, Ricoh Europe PLC, Robatech GmbH, Shilp Gravures Ltd., Sitma Machinery SpA, Softal Corona & Plasma GmbH, Temac Srl, Thieme GmbH & Co. KG, Think Laboratory Co., Ltd., Tresu A / S, Tritron GmbH, Uteco Converting SPA, WH Leary Co. Inc. , Yuke GmbH, YWDS Korea Co. Ltd. 

Möglicherweise müssten noch viele weitere auf der Liste stehen – und wenn eine der oben genannten noch ausstellt, entschuldigen wir uns. Drupa hat keine vollständige Liste der Stornierungen erstellt und publiziert welche Ausstellungsfläche bis dato storniert wurde. Wir haben diese Liste erstellt, indem wir eine HTML-Liste für 2020 und 2021 verglichen haben – verfügbar auf der Website für Drupa + von Wayback Machine. 

Die noch auf der Liste verbliebenem 1.543 Aussteller kommen aus folgenden Ländern:

A 19 

AUS 3 

B 22 

BG 2 

BR 5 

CDN 15 

CH 45 

CY 2 

CZ 7

D 391

DK 10

E 32

ET 7

EW 1

F 30

FIN 3

FL 1

GB 69

GR 3

H 5

HK 8

HR 1

I 145

IL 9

IND 80

IR 1

J 27

L 2

LT 3

LV 1

MAL 2

MC 1

MEX 1

NL 48

P 4

PL 17

PRC 342

RA 1

RC 21

RO 2 

ROK 26 

RUS 4 

S 11 

SGP 3 

SK 1

SLO 1 

T 2 

TR 32 

UA 2 

UAE 2 

USA 71 

Sie können sich nun selbst fragen, in welchen Ländern ihre Mitarbeiter einer potenziellen Bedrohung ausgesetzt sind: China? Die USA? Indien? Italien? Das Vereinigte Königreich? — Nun, diese fünf Länder repräsentieren mehr als 700 Aussteller. Oder würden Sie ohne Beteiligung der  meisten großen Anbieter zur Drupa gehen, um Aussteller/Hersteller von chinesischen oder indischen Verbrauchsmaterialien zu sehen? Und wird es wie gewohnt Besucher von außerhalb Europas oder sogar aus Deutschland geben? 

Was macht die Qualität von Drupa als globaler Leitmesse aus, wenn die meisten großen Lieferanten nicht ausstellen? Welche Auswirkungen hat die Reduzierung der Messedauer auf 9 statt 11 Tage? Und hat die reduzierte Anzahl von Tagen den Ausstellungspreis gesenkt? Und falls ja, was ist mit den bereits gebuchten Hotels, Restaurants, Event-Locations etc.? 

Die Stornierung der Stand- resp. Ausstellungsflächen liegt bei vielen Tausenden von Quadratmetern. Die Drupa hat noch keinen aktualisierten Grundrissplan präsentiert, sodass jeder wissen könnte, was ihn erwartet. Wir wissen auch aus Gesprächen mit mehreren Ausstellern, dass diese ihre Standfläche verkleinert haben, und mehrere haben sogar zum Ausdruck gebracht, dass sie KEINE Exponate zur Messe bringen werden – wenn diese überhaupt stattfinden würde. 

Die Schlussfolgerung muss also sein, dass weniger Aussteller, weniger Quadratmeter, weniger Exponate auf den Ständen, keine Partys nach Feierabend, Gesichtsmasken, Visiere etc. nur noch eine äußerst begrenzte Anzahl von Besuchern vorstellbar machen würde. 

Kurzum: Dies wäre DIE Drupa, an deren Verwirklichung die Messe Düsseldorf mit Blick auf das Frühjahr 2021 arbeitet. 

Wir haben oben geschrieben, dass das, was wir beschreiben, ein denkbares Szenario für die Situation der Drupa ist. Es bleibt also zu bewerten: Soll man (als Aussteller und als Besucher) in Zukunft Geld für eine Messe ausgeben, wenn alle Investition in die Zukunft so anfällig sind? 

Wie es jetzt aussieht, verlagern die Drupa-Veranstalter das gesamte Risiko der Messe auf ihre Kunden – und die Frage, die wir uns stellen müssen laute: Wie kann man der Messe Düsseldorf in Zukunft noch wertvolles Marketinggeld anvertrauen? Wir glauben, dass sich die Risikobewertung ändern muss, wenn Drupa jemals wieder die Türen öffnen können soll.


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